
Hans-Georg Gadamers Aufsatzsammlung „Ästhetik und Poetik I. Kunst als Aussage“ ist 1993 als 8. Band der Gesammelten Werke im Verlag Mohr Siebeck, Tübingen erschienen. Es gibt mittlerweile eine neuere Ausgabe der Gesammelten Werke, die sich vermutlich inhaltlich kaum von der gegebenen unterscheidet. Dieser Band der Werkausgabe umfasst Vorträge und Aufsätze aus fast fünf Jahrzehnten – zwischen den Jahren 1954 und 1992 – in denen Gadamers Denken immer wieder um zentrale Motive der Interpretation von Kunst und Dichtung kreist.
Zur Person Gadamer muss man sicherlich nicht viel Sagen. Es reicht zu wissen, dass er der letzte deutschsprachige Philosoph von Bedeutung ist. Er ist der Denker, der sich dem Phänomen und der Kunst der Auslegung – der Hermeneutik – verschrieben hat. Jedes Verstehen ist ein Auslegen. Jedes Auslegen bewegt sich im menschlichen Miteinander. Jedes verstehende Auslegen dieses Miteinanders und der Welt bewegt sich im Feld eines gegebenen oder gefundenen Sinns und im Feld einer bereits gegebenen Sprache. Es ist daher zwangsläufig, dass sich Gadamer neben seinen Interpretationen klassischer und moderner Texte vorrangig dem Phänomenfeld der Kunst zuwendet. Kunst versteht er als Wechselspiel von Zeigen und deutender Auslegung. In diesem Sinne denkt er den griechischen Begriff „Mimesis“ neu. Diese ist für ihn nicht länger reine Nachahmung der Physis – der Natur – sondern deutendes Zeigen. Die „Nachahmung“ erfasst und zeigt die Essenz der Dinge. Kunst ist damit eine Art verdichtete oder angereicherte Wirklichkeit. Kunstrezeption wäre so – richtig verstanden – eine doppelte Hermeneutik.
Ein weiterer wichtiger Begriff in Gadamers Nachdenken über die Kunst ist der Begriff des „Spiels“. Das Kunstwerk ist weder Alltagsgegenstand noch ist es ein Teil der natürlichen Umwelt. „Das Spiel der Kunst ist vielmehr ein durch die Jahrtausende hindurch immer aufs neue vor uns auftauchender Spiegel, in dem wir uns selber erblicken – oft unerwartet genug, oft fremdartig genug –, wie wir sind, wie wir sein könnten, was es mit uns ist.“ (Seite 92) Die Kunst entzieht uns dem Alltäglichen und ermöglicht es uns von einer anderen Position auf die Welt und uns selbst zu blicken. Sie durchbricht alltäglich unhinterfragte Zusammenhänge, die sich dadurch erst als solche zeigen.
Dritter wichtiger Begriff ist für Gadamer in diesem Zusammenhang der. Begriff des „Mythos“, mit dem er eine positive Differenz zum „Logos“ eröffnet. „Zwischen dem, was geschah, und dem, was in der Erzählung vermittelt wird, bleibt ein unüberbrückbarer Abstand. Das ist nicht nur etwas Negatives.“ (Seite 175) Der Mythos erfasst, was mit der reinen Vernunft nicht zugänglich ist. Es ist offensichtlich, dass ein solches „Mehr“ zur Vernunft im Nachdenken über Kunst eine Rolle spielen muss, denn die Grenzen der Vernunft, die Grenzen der Rationalität, sind allzu offensichtlich. „Die Uneinlösbarkeit dieser Forderung, alles Wirkliche als vernünftig zu erkennen, bedeutet das Ende der abendländischen Metaphysik und führt zur Abwertung des Begriffs von Vernunft selber. Sie ist nicht mehr das Vermögen der absoluten Einheit, nicht mehr das Vernehmen der letzten unbedingten Zwecke, sondern vernünftig heißt nunmehr die Findung der rechten Mittel zu gegebenem Zwecke, ohne daß die Vernünftigkeit dieser Zwecke selbst ausgewiesen wäre. […] Die Idee einer absoluten Vernunft ist eine Illusion.“ Der Bereich der Kunst entzieht sich seit jeher dem vernünftigen Rechnen.
Ein weiterer interessanter Begriff, den Gadamer in diesem Zusammenhang beleuchtet ist der Begriff des „Textes“:
„Wie das Wort >Text< eigentlich das Verwobensein von Fäden zu einem Gewebe meint, das sich selbst zusammenhält und den einzelnen Faden gar nicht mehr hervortreten läßt, so ist auch der dichterische Text in dem Sinne >Text<, daß seine Elmente zu einer einheitlichen Wort- und Klangfolge zusammengegangen sind. Nicht nur die Einheit eines Redesinnes konstituiert diese Einheit, sondern ebenso und im selben Atem die eines Klangbildes.“ (Seite 289 folgende)
Sprache ist ein Gefüge, ein Gewebe, in das wir selbst mit eingewoben sind. Von diesem Verständnis der Sprache her kommt Gadamer zu einem tieferen Verständnis der Dichtung, das das Gemeinsame – die Sprache – zwischen Dichter und Leser betont und nicht den einen über den anderen erhöht. In diesem Sinne versteht Gadamer Kommunikation als „Teilhabe“.
„Kommunikation meint nicht: ergreifen, begreifen, übermächtigen und in Verfügung nehmen, sondern meint Teilhabe an der gemeinsamen Welt, in der man sich versteht. Offenbar ist das, was wir ein Werk nennen, nicht ablösbar von diesem Strom gemeinsamer Teilhabe, durch den es sich in seine Zeit und die Nachwelt hineinspricht, und sofern wir alle miteinander zu dieser Welt der Verständigung und der Kommunikation gehören, in der uns mancher und manches etwas zu sagen hat, gehören die Dinge, die uns nicht nur im Augenblick, sondern immer wieder etwas zu sagen haben, wohl an erste Stelle.“ (Seite 338) Kommunikation als Teilhabe mit anderen, unsere sprachliche Verfassung, ist Grundlage unserer verschiedenen Zivilisationen und nicht die mathematisch-naturwissenschaftliche Beherrschung der Natur. Die Sprache eröffnet einen Zugang zur Welt, die eine Welt der Menschen (ursprüngliche Bedeutung des Wortes). Kommunikation ist Teilhabe an einem Miteinander.
„Aber diese pluralistische Welt enthält Aufgaben, und diese bestehen nicht so sehr in rationalisierender Planung und Verplanung, sondern in der Wahrnehmung der Freiräume des menschlichen Miteinanders, auch über Fremdes hinweg.“ (Seite 348)
Hier kann Gadamer auf De Saussure und Wittgenstein zurückgreifen – Sprache kennt weder Privatheit noch Anfang, noch Ende – es gibt kein Alleinsein in der Sprache, es gibt keine Einseitigkeit, keine Singularität und es gibt kein erstes Wort.
„Was soll ein Erstes im Aufbau der Sprache sein? Daß es kein erstes Wort geben kann, ist doch eigentlich selbstverständlich. Wenn auch Eltern immer wieder an ihrem erwachenden Kind das erste Wort bejubeln mögen, wenn es kein zweites Wort gibt, und es kann kein zweites Wort geben, wenn es nicht Sprache gibt. Sprache gibt es aber nur im Miteinander des Gesprächs.“ (Seite 404)
Verstehen und Auslegen bewegen sich immer in bereits gegebenen Bezügen. Wir sind eingewoben in ein Gespräch, ohne Anfang und Ende.
Ich denke, Gadamer ist ein großartiges Antidot gegen den selbstdarstellerischen Kommunikationsterror unserer Zeit, in dem allzu oft ins Leere gesprochen wird.



