
Der Spiel-Raum des Entwerfens ist kein Schweizer Uhrwerk
„Der Kosmos des Entwerfens. Untersuchungen zum entwerfenden Denken“ von Simon Kretz ist 2020 beim Verlag der Buchhandlung Walter König in Köln erschienen. Es handelt sich um die Publikation einer Dissertation an der ETH Zürich.
Selbst bei oberflächlichem Lesen fallen einige handwerkliche Unzulänglichkeiten sofort unangenehm auf. Die Zitation ist ein Grauen. Gerade bei klassischen Texten wie Aristoteles (ohne Bekker-Zählung) ist das lästig. Es werden Werke einfach als solche, gleichsam in toto, zitiert. Plessners „Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie“ beispielsweise, ist ein Werk von vielleicht 400 Seiten. Hier nur das Werk zu zitieren, ohne Seitenangabe, ist einfach frech. Ein anderes Beispiel: Paul Valérys Eupalinos wird mit dem Zusatz „oder die Architektur“ im Literaturverzeichnis aufgeführt. Richtig lautet der Titel der deutschen Übersetzung – die kein geringerer als Rainer Maria Rilke besorgt hat – „Eupalinos oder der Architekt“. Erschwert wird das Ganze durch secondhand Zitate. Auf diese Weise werden Werke ins Literaturverzeichnis aufgenommen, die der Autor bestenfalls einmal in der Hand gehalten hat. Einhergehend mit längeren Passagen in indirekter Rede, die sich auf eine Handvoll Autoren beziehen, legt das den Schluss nahe, dass es sich hier im Wesentlichen um das Referat eines „Forschungsstandes“ zum Thema Entwerfen handelt. Namentlich sind das vor allem zwei Autoren: Sabine Ammon und Donald A. Schön. Ich muss gestehen, von den beiden habe ich noch nie etwas gehört.
Das Büchlein gliedert sich in vier Kapitel. Kapitel 1 „Idee und Test“ findet heraus, dass Entwerfen etwas mit „trial and error“ zu tun hat – geschenkt. Entwerfen ist ein iterativer Prozess. Kapitel 2 entdeckt, dass dieses Versuchen eine Untersuchung der Wirklichkeit ist, indem es diese mit einer Auswahl zukünftiger Möglichkeiten konfrontiert – na gut. Kapitel 3 „Entwerfen als Erfahrung“ widmet sich der Anreicherung von Erfahrungen durch den Entwurfsprozess selbst. Dadurch, dass wir verschiedene schon durchlaufene Entwurfsprozesse und deren Ergebnisse (selbst)kritisch reflektieren, lernen wir verschiedene Entwurfsstrategien. Das sind, wie oben gesehen, Strategien, die Wirklichkeit zu befragen und ihr aus neuen Perspektiven neue Möglichkeiten zu entlocken. Man könnte sagen, dass man mit dem Entwerfen sowohl das Entwerfen lernt als auch die kritische Reflexion der Wirklichkeit – learning by doing. OK.
Das vierte und letzte Kapitel „Entwerfen als Theorie der Praxis“ widmet sich unter anderem dem Fünf-Punkte-Programm von LeCorbusier – keinem geringeren! Was hier Praxis heißen soll, bleibt fraglich. In diesem Programm werden die grundlegenden Spielregeln für den Entwurf à la Corbusier festgelegt, nicht mehr und nicht weniger. Das ist eher ein theoretisches Konstrukt für das Entwerfen in der Praxis. Egal was gefordert ist, mit diesen fünf Mitteln (Stützen, daraus folgend freie Grundrisse und freie Fassaden, dadurch möglich Bandfenster und Dachgärten) soll eine Lösung gefunden werden. Die Gestaltungselemente des Corbusier-Fünf-Punkte-Programms gelten für Kretz „als auf ihre Modernität hin geprüfte und positiv bewertete sinnlich wahrnehmbare Darstellungen und Kultivierungsvehikel. (Seite 83) Die dazugehörige Fußnote Nr. 214 lautet: „vgl. Vitruv [33-22 v. Chr.] 1981, Vogt 1996. Da biste platt! Was bitte hat Vitruv – der alte Pedant – mit der geprüften und positiv bewerteten Modernität eines LeCorbusier zu tun? Was bitte schön ist ein Kultivierungsvehikel? Entschuldigung, aber das ist doch unseriös!
Aufschlussreicher als das Machwerk selbst ist, welche Fragen sich Herr Kretz hier nicht stellt:
Was der Begriff „Entwerfen“ als Phänomen benennt, wird als selbstverständlich erachtet. Was Entwerfen oder Entwurf besagen soll wird nicht erörtert. Was beispielsweise den Unterschied eines architektonischen oder städtebaulichen Entwurfs zu anderen Formen des Entwerfens ausmacht, bleibt ungefragt. Was unterscheidet einen architektonischen Entwurf von einem „Lebensentwurf“ oder einem „Gesellschaftsentwurf“? Worin kommt beides überein? Hängt das eine vielleicht mit dem anderen zusammen? Gibt es verschiedene Sphären des Entwurfsbegriffs? Verschiedene Geltungsbereiche? Was sind die Grenzen des Entwurfs? Wo liegen Anfang und Ende? Oder verhält es sich mit dem Entwerfen wie mit der Sprache? Nach Ferdinand de Saussure kennt eine lebendige Sprache weder Anfang noch Ende. So könnte es doch auch mit dem Entwerfen sein? Wann also kommt das Entwerfen zu seinem Ende? Wann ist ein Entwurf „fertig“. Wie sieht es mit der Stimmigkeit oder Un-Stimmigkeit von Entwürfen aus? Nochmals: Was sind die Grenzen des Entwurfs? Das ist – mit Rudolf Schwarz gesprochen – unter anderem die Frage nach dem „Unplanbaren“ beziehungsweise nach dem „chaotischen Rest“. In „Von der Bebauung der Erde“ hätte der Autor einige Denkansätze zum Entwerfen finden können, die über seine eigenen Versuche weit hinausgehen. Aus welchen Quellen schöpft der Entwurf? Wie verhält es sich mit Finden und Erfinden, mit dem Entdecken des bisher Verborgenen? Wo war das Erfundene, bevor es erfunden wurde? Heideggers Überlegungen zur a-letheia wären hier ein Ansatzpunkt. Wie steht es überhaupt mit dem Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit? Beides wird bereits durch den Entwurf verändert. Was ist denn diese Offenheit, die verschiedene Möglichkeiten freigibt? Kretz betrachtet hier bestenfalls die Veränderung der Wirklichkeit durch den Entwurf, mehr nicht. Daher wohlklingende Sätze, wie diese:
„Solche Modelle sind ethisch reflektierte Leitbilder zur positiven Veränderung der Wirklichkeit. Ihre Bewertung erfolgt gemäß dem Potential, die Wirklichkeit zu transzendieren, und auch gemäß ihrem Potential, ethische Konzepte zu Verwirklichen.“ (Seite 101)
Was transzendiert denn die Wirklichkeit? Die Metaphysik? Die Möglichkeit? Das Unmögliche? Das Verborgene als immanente Transzendenz des Wirklichen? Alles zugleich? Kretz gebraucht glitzernde Begriffe wie „Ethik“, „Potenzial“, „Transzendenz“, „Wirklichkeit“, ohne dass er diese Begriffe ausreichend für sich klärt. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundbegriffen der eigenen Forschung findet demnach nicht statt. Diese würde aber mit Sicherheit zu einem tieferen Verständnis des Entwerfens geführt haben. Aus Sicht des Autors zackert dagegen der Entwurfsprozess in Spiralen wie ein Schweizer Uhrwerk. So einfach ist es in der Philosophie leider nicht. Der Spiel-Raum des Entwerfens ist keine Schweizer Taschenuhr.
Ich muss gestehen, dass ich lange nicht mehr etwas so Ärgerliches gelesen habe. Es ist eine garstige Unsitte fragwürdige Doktorarbeiten in renommierten Verlagen zu publizieren. Dazu kommt noch, dass die Schrift technisch schlecht gearbeitet ist und auch die Quellen, aus der sie schöpft, selbst nicht gerade reinsten Wassers zu sein scheinen.



