10.12.2022

Ulrike Wiezorrek (Hrsg.) – WOHNEN +

Von
Praxis

Der Band „Wohnen+ – von Schwellen, Übergangsräumen und Transparenzen“, herausgegeben von Ulrike Wietzorrek, ist 2014 beim Birkhäuser Verlag in Basel erschienen.  Die Texte sind von Ulrike Wietzorrek, Sophie Wolfrum, Doris Zoller und Julius Klaffke. Ausgehend von seinem Zwillingsband „typologie+“, 2009 im selben Verlag erschienen, setzt sich dieser Sammelband diesmal das Ziel, eine Typologie des zeitgenössischen Wohnungsbaus über die Grenze des einzelnen Projekts in städtebaulicher Hinsicht zu erweitern. Auf eine historische Einordnung wird wiederum verzichtet. Die Darstellung der einzelnen Projekte in Grundriss und Schnitt ist etwas umfassender geworden. Dadurch sind es weniger Projekte als bei seinem Vorgänger, was zur Folge hat, dass die Projekte schärfer ausgewählt erscheinen. 

Nach einer kurzen Einleitung in den gesamten Band widmet sich die Darstellung vier weiteren Themenbereichen des urbanen Wohnungsbaus. Diese tragen die Überschriften „Städtebau+“, „Erdgeschosszone+“, „Gebäudestruktur+“ und „Fassade+“. Diesmal alles in kapitalen Lettern. Das albern angehängt Pluszeichen, konnte man sich auch diesmal nicht verkneifen. Dieser kindische Manierismus tut der Gesamtqualität der Anthologie dennoch keinen Abbruch. Es geht immer noch um zentrale Fragestellungen der Architektur. 

Textlich ist dieser Zweite Band eine andere Hausnummer als sein Vorgänger. Es scheint, man hat aus den groben Fehlern des ersten Bandes gelernt. Bis auf eine doppelte Bildnummerierung im letzten Text, ist mir kein eklatanter Fehler aufgefallen. Sorgfältig wird der städtebauliche Grundgegensatz zwischen öffentlich, gemeinschaftlich und privat analysiert. Das Private, als Ort des Individuums und der Freiheit steht dem Öffentlichen, dem Raum der Gemeinschaft und des Miteinanders gegenüber. Es ist dies die nicht aufzulösende Spannung zwischen dem Selbst und dem Anderen, die als Ursprung all unser Verwicklungen in die Welt gelten kann. Daher ist es nachvollziehbar, dass der Erdgeschosszone, der Ebene der Übergänge, Ein- und Durchgänge ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Ein weiterer Essay untersucht die Strukturen des urbanen Wohnungsbaus. Bis auf ein paar Schlagwörter – Block, Cluster, Matrix und Vernetzung – eröffnet dieser wenig Einsichten. Der vierte Text widmet sich der Fassade, also gerade dieser Grenze zwischen Innen und Außen, privat und öffentlich, Verhüllen und Enthüllen. Ein Thema aus dem man mehr hätte machen können, als eine Aneinanderreihung verschiedener Beispiele der Fassadenbehandlung. Auf große Strecken verlieren sich die Texte leider doch wieder in der Beschreibung einzelner Projekte, ohne dass daraus ein systematischer Zusammenhang und damit ein Erkenntnisgewinn herausspringt.

Wohnen+ zeigt den aktuellen Stand der Entwicklungen im urbanen Wohnungsbau. Die Projekte sind gut bis hervorragend ausgewählt. Ein gutes Buch, um sich einen Überblick über den Stand der Dinge im Wohnungsbau zu verschaffen.