
Nach einer kurzen Einleitung in den gesamten Band werden vier für den Wohnungsbau essentielle Themenbereiche systematisch abgeklopft. Diese tragen die Überschriften „erschließung+“, „raum+“, „freiraum+“ und „gestalt+“. Die Kleinschreibung und das affektierte Pluszeichen hinter jedem Wort, sind schwer erträgliche Architektenmanierismen. Hinter jeder Vokabel verbergen sich zentrale Herausforderungen der Architektur, die auch über die engere Aufgabenstellung des Wohnungsbaus hinaus,von entscheidender Bedeutung sind. Letztlich geht es in der Architektur immer um das „Wohnen“ des Menschen im weitesten Sinne.
Die Texte erschöpfen sich zumeist in einer deskriptiven Aneinanderreihung verschiedener im Buch enthaltener Projekte oder verlieren sich in historischen Betrachtungen. Eine tiefergehende Analyse einzelner Entwurfsansätze oder Raumkonstellationen findet nicht statt. Auf ein Lektorat hat man gleich ganz verzichtet. Anders ist es nicht zu erklären, warum im ersten Text auf Seite 27 derselbe Satz „Der Laubengang […] die Bewohner selbst.“ im Absatz gleich zweimal auftaucht. So intelligent ist die getroffene Aussage nun doch nicht. Im Text zum Thema Raum wird in einer Fußnote zu Aldo Rossi auf den „angegebenen Ort“, also auf die bereits zitierte Schrift, verwiesen, diese ist aber gar nicht eingeführt. Was wohl eine „gerade noch schliefbare(n) Schlafkoje“ (Seite 113) sein mag? Die genannten Fehlleistungen sind bei dem Anspruch, den die Erscheinung des Bandes, die oben genannten Manierismen und der Preis vermitteln, äußerst peinliche Aussetzer. Warum schreibt man Texte, von denen man offensichtlich selbst kaum glaubt, dass sie jemand lesen wird?
Auch inhaltlich steht hier nicht alles zum Besten. Über die Einlassungen zu Heideggers Deutung des Raums zu urteilen, erspare ich mir an dieser Stelle. Nur soviel: sie sind leider falsch. Raum ist bei Heidegger kein „Tun“, wie der Autor meint (Seite 112) sondern ein Geschehen. Im letzten Aufsatz gelingt es dem Autor, seitenweise um das Thema Gestalt herumzureden ohne ein einziges Mal den Begriff der „Gestalt“ – letztlich ein Grundbegriff der Architektur – zu klären. Das gipfelt dann in solchen Plattitüden: „Der Typus ist in Bezug auf die Gestalt zum Modus geworden, den man bezogen auf die konkrete Aufgabe, die Örtlichkeit und den Bezug zur Geschichte gezielt einsetzt und variiert.“ (Seite 327) Was will uns der Verfasser damit sagen? Stellenweise fragt man sich, wie es das eine oder andere Projekt auf die Liste geschafft hat. An manchen Bauten erkennt man zu sehr den Geist der Zeit, als dass man sie als „typisch“ im Sinne eines zeitlosen Standards begreifen könnte.
Trotz allem: auch zehn Jahre nach dem Erscheinen ist dieser Sammelband immer noch aktuell, zeigt er doch Grundlegende Lösungsansätze im Wohnungsbau. Die dargestellten Projekte sind zum größten Teil sehenswert, die Zuordnung der einzelnen Beispiele zu den Themen ist nachvollziehbar. Als Architekt kann man diese Beispielsammlung im alltäglichen Geschäft als Inspirationsquelle sehr gut gebrauchen. Hätte man doch nur die Architektur für sich selbst sprechen lassen!