
Watsuji gibt hier eine allgemeine Einführung in seine philosophische Ethik. Es werden mit der Schrift drei Ziele verfolgt und man darf sagen in selten knapper und klarer Weise erreicht:
1. Gibt die Schrift in Ihrem mittleren Teil (Kapitel 6-11) einen Überblick der griechischen und deutschen Ethik von Aristoteles über Kant und Hegel bis hin zu Marx. Dieser Überblick kann ohne weiteres als Einführung in die praktische Philosophie herhalten. 2. Untersucht Watsuji auf der Basis etymologischer Auslegungen die Begrifflichkeit einer japanischen Ethik (Kapitel 1-5). Diese Auslegungen begründen seinen Ansatz das „Ethische“ nicht im Subjekt sondern in seiner Stellung als „Zwischen“ im Bezugsgeflecht seiner Mitmenschen zu suchen. 3. Liefert er eine kritische Auseinandersetzung mit Heideggers Existenzphilosophie und Phänomenologie indem er für beides eine hermeneutische Methodik einfordert und so die Existenzphilosophie – die für Ihn letzten Endes nichts anderes ist als die Wissenschaft vom Menschen – als Ethik aufzeigt (Kapitel 12-16). Damit greift er Heideggers eigenen, wenig ausgearbeiteten Überlegungen zum Ge-Viert im Spätwerk vor und schließt die Lücke, die Heideggers philosophisches Versagen im zwischenmenschlichen Bereich hinterlässt.
Indem Watsuji das Zwischenmenschliche als vorgängig ansetzt ist nicht mehr das „Ich“ Träger des Ethischen, sondern das „Wir“. Die Pluralität geht der Singularität voraus, die Gemeinschaft bedingt das Subjekt. Dieses ist nur als eine Negation der Pluralität der Bezüge zu einer Gemeinschaft (Familie, Freunde, Staat usw.) gegeben. Das Ethische geht uns als Gefüge voraus, wie die eigene Muttersprache, in die wir hineinwachsen. Ja die Sprache ist, ebenso wie Handlungsbezüge und andere Verweisungszusammenhänge, Teil der Ausdrucksmöglichkeiten des Zwischenmenschlichen. Diese setzen ein implizites Verstehen voraus. Um aus einem impliziten ein explizites, das heißt philosophisches Verstehen zu erlangen, bedarf es einer Methode: einer Hermeneutik, das heißt „Kunst der Auslegung“. Ethik als philosophische Disziplin ist damit Hermeneutik der menschlichen Existenz (Sein zwischen Menschen).
Watsuji schließt mit seiner Ethik zumindest teilweise eine wesentliche Lücke in der Philosophie Heideggers. Er lässt sich dadurch im Feld zwischen Hannah Arendt und Emanuels Lévinas – letzterer zwar ein erklärter Heidegger Gegner, aber mit seinem Konzept der Alterität einem ähnlichen Zusammenhang auf der Spur – und Hans-Georg Gadamer. Watsuji fügt sich damit nicht nur in eine große Tradition des 20. Jahrhunderts ein, er schlägt gleichzeitig eine Brücke zwischen West und Ost. Leider zeigt die mäßige Zahl an Übersetzungen, dass diese Brücke immer noch viel zu wenig und oft nur in eine Richtung begangen wird.