20.11.2021

Tetsurō Watsuji – Fūdo – Wind und Erde

Von
Theorie

Watsuji Tetsurōs Werk „Fūdo – Wind und Erde“ ist 2017 in deutscher Übersetzung bei Matthes & Seitz in Berlin erschienen. Es kann als Ergänzung und Erweiterung  zu Watsujis „Ethik als Wissenschaft vom Menschen“ gelesen werden, die bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt erschienen ist. Versucht er dort den Menschen als ekstatisches „Zwischen“ von individuellem Selbst und einem vorgängigen gesellschaftlichen Gefüge zu bestimmen, so erweitert Watsuji in „Fūdo“ diese Auslegung des Menschen als Relation um ihre ortsgebundene Bedingtheit. Diese fasst er mit dem Begriff „Fūdo“, der hier lose mit „Klima“ übersetzt wird. Es geht Watsuji also um das menschliche Dasein, das wesentlich Teil eines Kollektivs in seiner räumlich-atmosphärischen Gegebenheit ist. Wie im Fall von „Ethik als Wissenschaft vom Menschen“, nehmen auch hier die Überlegungen ihren Ausgang in einer kritischen Auseinandersetzung mit Martin Heidegger, die dessen eigene philosophische Entwicklungen in gewisser Weise schon vorwegnehmen. Im Zentrum der Kritik steht die Tatsache, dass Heidegger in der Phase von „Sein und Zeit“ die Ekstatik des menschlichen Daseins allein zeitlich zu deuten versucht. Eine Unterlassung, die er im Spätwerk durch die Ge-Viert Konzeption und die Auslegung der Entfaltung es Seins als „Zeit-Spiel-Raum“ zu korrigieren versucht. An dieser einseitigen Bestimmung des menschlichen Daseins über die Zeitlichkeit, die neben Heidegger auch für Kant und je nachdem für die gesamte deutsche Philosophie gilt, setzt Watsuji an und betont die Umweltgebundenheit unseres Daseins. Seine Prämisse: Wir halten uns notwendig irgendwo auf und die Gegebenheiten dieses Aufenthalts sind bestimmend für unser Dasein. Nicht allein für unser individuelles, sondern gerade für unser gesellschaftliches Dasein. Dieses hat eben nicht allein historische Vorbedingungen, sondern auch geographisch-atmosphärische. Letztere prägen die Struktur einer Gemeinschaft mindestens ebenso, wie ihre geschichtliche Herkunft, wenn sie nicht sogar deren Vorbedingung mit ausmachen. Damit ergibt sich der spezifische Charakter einer Gemeinschaft, ihre Eigenheiten und ihre „Mentalität“, aus der Geografie ihrer Umwelt. Das heißt, dieser Charakter wird durch die permanente Auseinandersetzung der Gemeinschaft mit ihrer Umwelt geprägt. Diese Prägung ist etwas, dass jeder Einzelne, entsprechend den gesellschaftlichen Bezügen, in die er hineingeboren wird, je schon mit sich bringt. Sie gehören zu der „Atmosphäre“ (Grundbestimmung) in die wir jeweils hineinwachsen. Ausgehend von einer Interpretation der eigenen geographisch-klimatischen Bedingtheit als Japaner versucht Watsuji diese weltumfassend in einer Typologie des Klimas zu verorten. Dabei unterscheidet er auf der Basis eigener Reiseerfahrungen grundsätzlich drei Klimatypen:

1.    Monsunklima 2.    Wüstenklima 3.    Wiesenklima

Der erste Typus wird in einem weiteren Kapitel in ein „chinesisches“ und ein „japanisches“ Monsunklima weiter ausdifferenziert. Aus diesen verschieden Umwelttypen leitet Watsuji dann bestimmte Charakteristika der sich unter deren Bedingungen entwickelnden Völker ab. Auch wenn man der Grundthese der regionalen geographischen Bedingtheit einer menschlichen Gemeinschaft ohne weiteres zustimmen kann, so scheinen einem die hier gegebenen Charakterstudien verschiedener „Völker“ doch etwas grob geschnitzt zu sein. Das Ganze erinnert unangenehm an Spenglers Geschichtsdeutung in „Der Untergang des Abendlandes“. Im vierten Kapitel des Buches macht Watsuji die praktische Probe aufs Exempel der Theorie und stellt die Frage nach dem Einfluss des gegebenen Ortes auf die Kunst. Hier liegt neben der konstruktiven Kritik an Heidegger mit Sicherheit der entscheidende Wert dieser Schrift. Nachdem im internationalen Zirkus des Kunstbetriebs die regionalen Unterschiede fast gänzlich nivelliert worden sind, „weil die Welt, wie es scheint, zu einem einzigen >Ort< zusammengeschrumpft ist“. (Seite 195) Watsuji wählt daher kaum verwunderlich ein Beispiel, bei dem die geographische Lokalität und die damit verbundenen klimatischen Bedingungen eine entscheidende Rolle spielt: den Japanischen Garten.  Dreht sich in der abendländischen Debatte des 19. Jahrhunderts alles um Symmetrie, Proportion und Ordnung, so stellt Watsuji dem ein völlig anderes Verständnis von Kunst gegenüber: Dieses ist weniger rational als vielmehr emotional. Es geht weniger um geometrische Verhältnisse, die sich numerisch bestimmen lassen, als vielmehr um die „Ausgewogenheit von Kräften“. Dieses Verständnis der Kunst lässt sich mit Begriffen wie „Einklang“, „Harmonie“, „Balance“ und „Gleichgewicht“ wiedergeben. Es ist also eine Kunstauffassung, die nach einem „stimmigen“ Verhältnis verschiedener, nicht notwendig gleichrangiger Momente strebt – im Falle der Gartenkunst notwendig auch ein Verhältnis zu den topographischen und klimatischen Gegebenheiten.  Dieses stimmige Verhältnis spricht beim Betrachter weniger ein rationales als vielmehr ein emotionales Verständnis an. Es geht um die spürbare „Angemessenheit“ einer Komposition und nicht um deren erkennbare Regelhaftigkeit, weniger um ein „Sehen“ als vielmehr um ein „Fühlen“ (Seite 217). Die Kunst zielt auf das Erzeugen einer Atmosphäre ab, die sich auf die Stimmung des Betrachters überträgt. Watsuji schließt seine Betrachtungen mit einer Zusammenfassung der Entwicklung des Klima-Begriffs in der deutschen Philosophie bei Herder, Hegel und Marx. Diese zeigt, dass die lokale Gebundenheit des Menschen in der Philosophie des 18. Und 19. Jahrhunderts, also im Zeitalter der Systeme, eher eine untergeordnete Rolle spielt. Erst das 20. Jahrhundert bringt hier mit der Phänomenologie und der Hermeneutik eine Wende.

Der Wert Der Schrift „Fūdo – Wind und Erde“ liegt eindeutig in der Einsicht, dass zu unserem Menschsein notwendig bestimmte topographische und klimatische Gegebenheiten gehören, die unsere Befindlichkeit nachhaltig beeinflussen. Aus der Auseinandersetzung mit diesem Einfluss erwächst eine persönliche ebenso wie eine gesellschaftliche Haltung gegenüber unserer Umwelt. Zu dieser Haltung gehört wesentlich die künstlerische Auseinandersetzung. Damit ist „Fūdo“ nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit einer Position der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, es ist auch ein Grundlagentext der Theorie von Landschaftsplanung und in extenso der Architektur.