10.07.2021

Antje Stahl - 2G Brandelhuber+

Von
Praxis

„Brandelhuber+“ von Antje Stahl ist 2021 in der Reihe 2G beim Verlag der Buchhandlung Walter König in Köln erschienen. Es handelt sich um eine Monografie über das gleichnamige Berliner Architekturbüro um Arno Brandelhuber.

Wie immer, bei solchen Veranstaltungen, ist der Text zu vernachlässigen. Der Horizont der Autorin reicht über ihre vermeintlich kosmopolitischen Biotope in Berlin und Zürich nicht hinaus. Die Texte sind zum Glück kurz und dazu nur in schlechtem Englisch zu haben, was es noch leichter macht sie einfach zu ignorieren. Eigentlich bizarr, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Buch einer züricher Publizistin über ein Berliner Architekturbüro, erschienen bei einem Kölner Verlag handelt. Abgerundet wird das ganze durch ein Interview, in dem die Protagonisten auf Englisch einen Satz Pille-Palle spielen.

Also zur Sache: Interessanter als die Beschreibung ist die Zuordnung verschiedener Werke des Büros in verschiedene Gruppen: Contextualising, Orienting, Opening, Terracing, Externalising, Enabling. Unter verschiedene Schlagworte werden jeweils zwei oder drei Werke subsumiert. Dadurch erkennt man, dass Brandelhuber+ jenseits eines manieristischen Brutalismus entwerferisch einiges zu bieten haben. Formale und Materielle Architektursprache erinnern allzu sehr an Corbusiers indische Phase, jedenfalls was die südländischen Bauten betrifft. In dieser Richtung liefert Brandelhuber wenig neues. Die beiden unter dem Begriff Orienting – also Orientierung (das richtige englische Wort wäre wahrscheinlich „orientation“, aber sei‘s drum) – zusammengefassten Bauten scheinen mir strukturell am interessantesten zu sein. 

Hier werden Grundrisse dreidimensional miteinander verschnitten und überkreuzt. Es entstehen räumlich ineinander verzahnte Wohnbereiche, die nicht notwendigerweise vertikal übereinandergestapelt sein müssen. Dieses Aufbrechen der, im traditionellen Wohnungsbau üblichen, vertikalen oder horizontalen Schichtungen ermöglicht es, für ein und dieselbe Wohneinheit, verschiedene Ausrichtungen in die Landschaft oder den Stadtraum zu haben. Gleichzeitig verschränken sich die den Wohnbereichen zugeordneten Außenbereiche mit der gegebenen statischen Grundstruktur. Dadurch entstehen verschiedene Grade der Innerlichkeit bei den Außenbereichen. Die Pole des Spannungsverhältnisses „Innen“ und „Außen“ lassen verschiedenste Zwischenzustände zu. Bei der Villa Rocha entsteht dies durch eine orthogonale Überlagerung der Grundrisse innerhalb der aus neun Quadraten bestehenden, statischen Grundrissmatrix. Beim „Geschosswohnungsbau“ der VRMD Zürich, werden die zwei langgezogenen Grundrisse jeder Maisonettewohnung rechtwinklig überkreuzt. Auf das ganze Gebäude bezogen sind die Grundrisse diagonal zur Hauptrichtung des Gebäuderiegels angeordnet. Dadurch hat jede Wohnung der vier Obergeschosse einen Bezug zu jeder der vier Himmelsrichtungen und damit Belichtung in allen denkbaren Tageslichtszenarien. Durch die diagonale Drehung der Grundrisse zur „Außenkante“ des Gesamtkomplexes, werden die Außenbereiche diskret voneinander getrennt. Es entstehen sehr viel privatere Außenbereiche als im konventionellen Geschosswohnungsbau möglich. In diesen strukturellen Überarbeitungen konventioneller Typologien liegt für mich eine der großen Stärken des Büros Brandelhuber+

Alles in allem liefert diese Brandelhuber+ gewidmete Ausgabe der Reihe 2G einen sehr guten Überblick über das Werk dieser Gruppe in den vergangenen 10 Jahren.