08.01.2021

Richard Neutra - Bauen und die Sinneswelt

Von
Praxis

„Bauen und die Sinneswelt“ von Richard Neutra ist 1977 beim Verlag VEB Verlag der Kunst in Dresden erschienen. Es handelt sich um einen Bildband mit kurzen begleitenden Texten. Im Mittelpunkt dieses reich bebilderten Bandes steht Neutras eigenes „Forschungshaus“, das er über 30 Jahre lang selbst bewohnt hat. Neben einer Einleitung von Hermann Exner gibt der Meister selbst eine kurze Zusammenfassung seiner Gedankengänge durch die Architekturtheorie. Dieser kleine Essay kann als Einführung in Neutras theoretisches Werk verstanden werden. Augenfällig beweg sich der Text gegenläufig zur eigentlichen Absicht des Buches: Stellt der vorliegende Band eine mehr oder weniger umfassende fotographische Monographie zu einem der Hauptwerke Neutras im Bereich des Wohnungsbaus dar, so nimmt der Text immer wieder die Unzulänglichkeit der Fotographie aufs Korn, die Architektur nur visuell, von einem einzigen Standpunkt aus erfassen kann und nicht multisensorisch, wie sie der Bewohner im Vollzug seines Lebens im architektonischen Umfeld erfährt. Bauen, so Neutras zentrale These, ist eine alle Sinne ergreifende Wirkung auf die psychosomatische Konstitution des Menschen. Den Geist, als Dritten im Bunde, lässt Neutra bezeichnender Weise außer Acht. Die Zuträglichkeit für Körper (sōma) und Seele (psychē) sieht Neutra in seinen Bauten durch die Verbindung von Innen und Außen, von Architektur und Natur gegeben. Diese Naturverbundenheit berechtigt ihn – seinem Selbstverständnis nach – von einem „Biorealismus“ seiner Architektur zu sprechen. Heute würde man vielleicht vorsichtiger von einer Zuträglichkeit für die leibliche Befindlichkeit der Bewohner bestimmter Architekturen sprechen. Die verwendete biologistische Terminologie ist dem technik- und damit wissenschaftsgläubigen Zeitgeist der amerikanischen 60er Jahre geschuldet. Neutras Gedanken zielen aber ganz generell auf das Wohlbefinden des Bewohners ab. Dieser steht für ihn im Zentrum jeder theoretischen und praktischen Überlegung in der Architektur. Der Aufsatz kann lediglich als kurze Einführung in Neutras Denken verstanden werden. Keiner der Gedanken wird wirklich ausformuliert. Die Thesen werden weder hergeleitet noch begründet. Eine durchgängig schlüssige Argumentation findet nicht statt. Daher liegt der Wert dieses Bändchens dann doch eher in den sehr schönen Schwarz-Weiß-Fotografien.